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Bild: Tüll & Spitze, Wiesbaden

Dessous: 15 häufig gestellte Fragen und Profi-Antworten einer Maßschneiderin

Der 5. August wird seit 18 Jahren als Internationaler Tag der Unterwäsche gefeiert. Anlass für uns, mehr über diesen besonderen Teil unserer Kleidung herauszufinden. Wir haben dazu mit einer Expertin gesprochen: Claudia Specht ist Dessous-Designerin und Maßschneiderin. In ihrem Maßatelier Tüll & Spitze in Wiesbaden fertigt sie schöne und nachhaltige Dessous mit perfekter Passform.

1. Wer hat die Unterwäsche erfunden?

Schon in der Steinzeit begannen die Menschen, sich mit Leder und Fellen vor Kälte, aber auch vor Schmutz zu schützen. Das bekannteste Kleidungsstück dieser Zeit ist wohl der Lendenschurz, der jedoch in erster Linie von den Männern getragen wurde. Die Frauen trugen unter ihren Kleidern … nichts.

Erste gewebte textile Funde aus Lein sind aus der keltischen Epoche bekannt. Aus Lein konnte ein textiler Faden gewonnen und hochwertige Tuche gewebt werden, die zu einer wertvollen Handelsware für die Kelten wurden. Die Kelten trugen jedoch noch keine Unterwäsche, sondern lediglich eine Art Unterkleider (Männer wie Frauen).

Erst in der späteren Geschichte Ägyptens gingen Frauen und Männer dazu über, Baumwolltücher um die Hüften zu legen, zwischen den Beinen hindurch zu ziehen und zu verschlingen.

Claudia Specht

Um ca. 1800, als nach und nach mehr Verständnis für Hygiene und Moral aufkam, fanden Baumwoll- oder Leinenunterhosen sowie Leibchen Einzug in die Kleiderschränke. Die Oberschicht konnte sich auch Unterwäsche aus Seide leisten.

2. Warum heißt es eigentlich Dessous und was sind andere Bezeichnungen?

“Dessous” kommt aus der französischen Sprache und bedeutet “darunter”. Dessous sind also das, was man darunter trägt, nämlich nichts anderes als Unterwäsche.
Während Unterwäsche eher “einfach” und “schlicht” klingt, schwingt in dem Wort “Dessous” bereits ein Hauch von Eleganz mit. Eine andere Bezeichnung ist “Lingerie”, die schon die Zartheit der Unterwäsche erahnen lässt. In unseren Breitengraden leider oft als “Reizwäsche” degradiert, sind “Dessous” und “Lingerie” beispielsweise für Südländerinnen der Inbegriff und die Selbstverständlichkeit, um ihre Weiblichkeit zu unterstreichen.

Bild: Tüll & Spitze, Wiesbaden

3. Was sind die besten Tipps, Dessous richtig aufzubewahren?

Dessous lassen sich am besten in einer Wäscheschublade aufbewahren. Diese bietet eine Übersicht über alle Teile. Es gibt schöne Ordnungssysteme, mit denen sich eine Wäscheschublade organisieren lässt. Man kann sich jedoch auch einfach aus Karton Unterteilungen für die Schublade zuschneiden.
Zarte Wäscheteile können zusammengelegt werden. BHs mit Schalencups behalten ihre Form am besten, indem sie hintereinander gereiht in die Schublade gestellt werden.
Wird zu jedem BH noch der passende Slip gelegt, hat man am Morgen gleich das komplette Dessousset greifbar.

4. Welche Materialien werden bei Dessous am häufigsten eingesetzt?

Die Auswahl der Materialien, aus welchen Dessous angefertigt werden, ist vielfältig. Es gibt Unterwäsche aus Baumwolljersey, aus synthetischen Mischgeweben, aus Viskose, Seide oder Spitze.
Welches Material meine Kundinnen letztendlich auswählen, hängt zum einen von der Funktionalität des Wäschestücks ab. Aber auch von der eigenen Vorliebe für Materialien oder der Hautverträglichkeit.

5. Was sollte eine Dessous-Maßschneiderin richtig gut können?

In erster Linie ist es wichtig, dass ich mir den gesamten Körperbau anschaue, das Gewebe und die Körperform. Für die Anfertigung von Dessous für beispielsweise eine Kundin mit Skoliose benötige ich noch einige Maße mehr als für eine Kundin mit gleich großer Brust und einer geraden Körperform.

Auch die Beschaffenheit des Hautgewebes ist ausschlaggebend dafür, welche Materialien ich der Kundin anbieten kann.
Das A und O in der Dessous-Maßschneiderei ist definitiv das Maßnehmen und die Schnittkonstruktion.

6. Was ist bei der Erstwäsche von Dessous zu beachten?

Grundsätzlich (und nicht nur bei der Erstwäsche) sollten Dessous immer mit gleichen Farben gewaschen werden. Dies gilt für die Handwäsche genauso wie für die Wäsche in der Maschine.

7. Was sind die Top 3 Tipps für die Pflege von Unterwäsche bzw. Dessous?

Wenn Dessous in der Maschine gewaschen werden, dann
– bei max. 30° C im Wäschenetz und im Schongang
– keinen Weichspüler und keine Chlorbleiche verwenden (dies greift das Elasthan an)
– Mischgewebe nie im Trockner, auf der Heizung oder in der Sonne trocknen. Wäsche schonend trocknen geht am besten auf einem Wäscheständer, locker über die Leine gehängt.

8. Welches Waschmittel passt für Unterwäsche am Besten?

Dessous werden am besten mit einem Feinwaschmittel gewaschen. Hat man Bedenken, dass sie bei der Handwäsche oder bei max. 30° C in der Maschine nicht richtig sauber werden, empfehle ich, ein flüssiges Hygienewaschmittel zu ergänzen.

9. Wohin mit aussortierter Unterwäsche?

Ist die Unterwäsche noch intakt und nicht völlig zerschlissen, kann sie bei Hilfsorganisationen (bspw. Frauenhäuser) abgegeben oder in Altkleidercontainer geworfen werden. Altkleidersammlungen entscheiden selbst, ob sie die Kleidung dann recyceln lassen oder an Bedürftige weitergeben.

10. Welche Unterwäsche ist bei Brautkleidanproben geeignet?

Es hängt natürlich davon ab, welche Form und welches Modell eines Brautkleides gewünscht ist. Hat man noch gar keine Idee und möchte sich inspirieren lassen, liegt man mit haut- oder lachsfarbener Unterwäsche immer richtig. Sie blitzt unter weißen oder champagnerfarbenen Kleidern nicht hindurch und schon gar nicht unter Spitzenkleidern.

Hilfreich sind BHs, an welchen man die Träger abnehmen kann, sollte das Brautkleid trägerlos sein. Viele Kleider haben jedoch auch schon integrierte BH-Cups oder Corsagen. Das ist praktisch, aber die BH-Cups des Kleides sollten dann auch wirklich zur eigenen Brustform passen.
Tendiert man zu einem schmalen Brautkleid, rate ich zu Slips aus Spitze oder zu nahtlosen Slips, da sie nicht ins Gewebe am Gesäß einschneiden.

11. Welche Unterwäsche ist unter weißer Kleidung geeignet?

Im Beruf ist es empfehlenswert, Unterwäsche in einem Hautton zu tragen, der zum eigenen Hauttyp passt. Das müssen nicht zwingend Nudefarben sein. Auch Farbtöne in Rosa, Rot und sogar Grau können durchaus geeignet sein, sofern sie sich nicht zu sehr vom eigenen Hautton abheben.
Weiß, Schwarz und bunte Farben blitzen unter heller Kleidung zu sehr hervor und können in manchen Situationen falsche Zeichen setzen ;o)

12. Wann ist der richtige Zeitpunkt, Unterwäsche auszusortieren?

Man sollte sich von Unterwäsche trennen, sobald sie nicht mehr zur eigenen Körperform passt oder wenn sich das Material auflöst.
Ein BH, der nicht mehr sitzt, weil er zu klein geworden ist, weil der Bügel ständig herausrutscht oder weil das Material keinen Halt mehr bietet, wird sicher nicht mehr zu den Lieblingskleidungsstücken gehören. Ebenso verhält es sich mit Slips, die kneifen oder verrutschen. Alle Wäscheteile, in denen ich mich nicht mehr wohlfühle, sollten entsorgt oder verschenkt werden.

13. Wie erkenne ich, welcher Dessous-Typ ich bin?

Erfahrungsgemäß wissen viele Frauen bereits, in welchen Dessous sie sich wohlfühlen. Es gibt diejenigen, die Spitze grundsätzlich ablehnen und am liebsten “etwas ganz einfaches” tragen. Und es gibt diejenigen, die Spaß an Form, Farbe und verschiedenen Materialien haben.
Wer sich unsicher ist, sollte einfach einmal ganz unterschiedliche Farben, Formen und Modelle anprobieren. Man merkt schnell selbst, ob man lieber einen schicken bügellosen BH trägt oder dann doch das Modell mit Bügel und Spitze, und ob man eher der Typ für einen String oder für einen Hipster ist.

14. Wie finde ich heraus, was Unterwäsche aussagt?

Es gibt viele Stilberater*innen, an die man sich wenden kann, aber auch viele Bücher und Blogs, die hilfreiche Tipps bieten. Ich würde mich jedoch nie nur danach orientieren sondern viel eher danach gehen, wie ich mich in meiner Wäsche fühle, ob sie zu meiner Kleidung passt und zu meiner Stimmung. Und ich würde mir beim Betrachten im Spiegel die Frage stellen, ob ich mit meinem pinkfarbenen BH unter der durchsichtigen Bluse nicht zu viel Aufsehen im Büro errege, dieses Outfit aber genau der letzte Schrei für die Strandparty mit Freunden wäre.

15. Was ist das besondere an maßgeschneiderten Dessous?

Wir sind alle individuell gebaut, haben unsere ganz eigenen Körpermaße, und genau diese Individualität zeigt sich ganz besonders bei Dessous.
(Bild: Tüll & Spitze, Wiesbaden)

Maßgeschneiderte Dessous werden nach den körpereigenen Maßen meiner Kundinnen angefertigt. Ich gehe gezielt auf die Proportionen ein und schlage nur BH- und Slip-Modelle vor, die für ihre Figur geeignet sind.

Gerade für Frauen, die durch Skoliose, ungleiche Brustgrößen oder operative Eingriffe Probleme haben, einen geeigneten BH zu finden, bietet der Fachhandel keine optimalen Lösungen. Und – so banal das klingen mag – auch schlecht sitzende Slips können ebenso problematisch sein, wie ein BH, in dem ich mich nicht wohlfühle. Maßgeschneiderte Dessous hingegen schmiegen sich an wie eine zweite Haut.

Dessous-Designerin und Maßschneiderin Claudia Specht (Bild: Tüll & Spitze, Wiesbaden)

3 Persönliche Fragen an Dessous-Designerin und Maßschneiderin Claudia Specht

Was ist ein typischer Tagesablauf in Ihrem Maßatelier für Dessous?

Den gibt es eigentlich nicht, denn mal sind die Tage damit gefüllt, Kundenaufträge zu nähen. Und an anderen Tagen finden Kundentermine (Erstgespräche oder Anproben) statt.
Aber wenn wir uns einen Auftrag von A bis Z anschauen, dann beginnt dieser natürlich mit dem Erstgespräch, in dem ich mir die Bedürfnisse und eventuelle Probleme meiner Kundin anhöre. Ich berate sie daraufhin, inwieweit ich ihr mit maßgeschneiderten Dessous helfen kann. Wobei es auch in der Maßschneiderei nicht die beliebte “eierlegende Wollmilchsau” gibt, jedoch immer eine für meine Kundin optimale Lösung.
Nachdem ich die Maße meiner Kundin genommen habe und wir das für sie geeignete Material ausgesucht haben, geht für mich der Auftrag richtig los: Ich erstelle die Schnittmuster für das Dessous-Set und nähe die beauftragten Teile für die Anprobe, die in der Regel ca. 2 Wochen nach der Auftragserteilung stattfindet. In dieser Phase nähe ich noch mit großen Stichen und anderer Garn-Farbe, damit ich die Dessous wieder leicht auftrennen kann.

Passt bei der Anprobe bereits alles perfekt, trenne ich die Teile vorsichtig auf und nähe sie final. Gibt es kleine Änderungen, werden diese am Modell abgesteckt, danach auf den Schnitt übertragen und die Teile noch einmal für eine zweite Anprobe genäht. Nach erfolgreicher Anprobe erfolgt die Endfertigung.

Wie war Ihr persönlicher Weg zur Designerin für maßgeschneiderte Dessous?

Nach meinem Studium zur Modedesignerin dauerte es ein paar Jahre, bis ich auf das Thema “Dessous und Bademoden nähen” aufmerksam wurde. Ich habe zuerst einen Schnupperkurs und einen Schnittkonstruktionskurs gebucht und war danach völlig begeistert von diesem Thema, so dass ich mich für die Fortbildung zur Dessous-Designerin und -Maßschneiderin entschied. Bereits kurz nach der Ausbildung eröffnete ich mein Atelier in Wiesbaden und nähe seither ausschließlich Dessous nach Maß. Es ist eine schöne Nische, die ich bedienen kann. Und mein Angebot fand schneller Anklang, als ich es mir je hätte erträumen lassen.


Wie stellen Sie sich die Zukunft von Dessous vor?

Ich wünsche mir, dass Frauen wieder zu ihrer Natürlichkeit und Weiblichkeit zurückfinden.
Vor ein paar Jahren hat der Trend gepolsterter BH-Cups in der Modewelt Einzug gehalten, die zum einen jedoch nicht für jede Brustform geeignet sind und die darüber hinaus jede Brust uniform und meist unnatürlich aussehen lassen. Es ist nichts gegen einen schönen Push Up-Effekt zu sagen oder gegen eine leichte Schaumstoffeinlage, damit sich unter engen T-Shirts keine Brustwarze abzeichnet. Aber zu starke Polsterungen können unter Umständen auch zu Schmerzen in der Brust führen. Das sollte man bei der Wahl eines solchen BHs bedenken.

Mit Blick über die Grenzen hinaus (Frankreich, Italien, Spanien …) dürfen Frauen etwas mutiger in der Wahl ihrer Unterwäsche werden. Dita von Teese hat es mit einem Zitat schön beschrieben: “Lingerie is not about seducing men; it is about embracing womanhood.” Genau das ist es, was wir Frauen wieder mehr zelebrieren dürfen.

“Bei Lingerie geht es nicht darum, Männer zu verführen; es geht darum, die Weiblichkeit zu umarmen.”

Dita von Teese

Es geht auch nicht darum, Unterwäsche anzuziehen, “weil man eben etwas unter der Oberbekleidung anziehen muss”. Dessous tragen zu meinem Wohlgefühl bei, nämlich dann, wenn nichts zwickt, drückt und verrutscht, wenn ich Farben trage, die ich liebe, und wenn ich die Materialien auf der Haut habe, in denen ich mich wohlfühle. Daher gefällt mir das Zitat von Coco Chanel so gut, das sie einmal ausgesprochen haben soll:

“Kleider machen Leute, aber die Unterwäsche macht den Menschen.”

Coco Chanel

Und nicht zuletzt spielt das Thema Nachhaltigkeit natürlich eine große Rolle. Auch wenn viele Labels ihre Dessous für kleinstes Geld anbieten, so wissen wir doch inzwischen, dass diese Wäsche keine zwei Jahre hält. Man sollte beim Kauf dieser Wäsche immer bedenken, aus welchen Materialien und unter welchen Umständen sie gefertigt wurden.
Es gibt glücklicherweise inzwischen viele Stoff- und Spitzen-Hersteller, die komplett auf Bio umstellen oder Bio-Ware in ihrem Sortiment anbieten. Das erleichtert es auch mir als Dessous-Designerin, diese Stoffe in meinem Atelier anbieten zu können. Neben den herkömmlichen Wäschestoffen gibt es inzwischen eine große Auswahl an Baumwolljersey, Seide und Viskose-Mischgeweben, da auch meine Kundinnen verstärkt auf diese Materialien achten. Nicht nur aus Gründen der Hautverträglichkeit sondern gerade im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Bio-Qualität.

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